Bausteine

Micromerce Magazin.
Digitalisierung | Prozessoptimierung | Software

  • #digitalisierung
  • #businesscoach
  • #lifecoaching
  • #onlinecoaching
  • #hybridcoaching

„Ich bin nicht der Ansicht, dass jetzt alles digital wird“

Die Digitalisierung verändert auch die Coaching-Branche. Welche Rolle spielen neue Tools und Technologien heute schon, wie digital kann Coaching einmal werden – und wie wichtig wird die persönliche Beziehung zwischen Coach und Klient in Zukunft noch sein? Ein Interview mit Dr. Alexander Brungs, Vorstand im Deutschen Coaching Verband e.V. (DCV)

von Johannes Mitterer, 24. September 2021

Dr. Alexander Brungs

MM: Eine Coaching-Firma in Deutschland hat im Schnitt 1,4 Mitarbeiter, hat die SZ im Jahr 2011 geschrieben. Stimmt das heute noch, das Bild vom Coach als Einzelkämpfer?

Alexander Brungs: Dieser Markt ist so zersplittert, dass solche Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind. Aber man kann vom Augenschein her immer noch sagen, dass Coaching überwiegend von Einzelpersonen angeboten wird. Das entspricht auch dem Selbstverständnis dieser Profession, weil man als Coach für einen einzelnen Prozess verantwortlich ist. Und diese Verantwortung wird von einem Einzelnen übernommen und nicht auf mehrere Schulten in einem Unternehmen verteilt.

Das heißt, daran wird sich auch erstmal wenig ändern?

Wenn ich auf die Marktentwicklung schaue, habe ich schon das Gefühl, dass sich da was tut. Es gibt immer mehr Anfragen, die so klingen: ‚Ich suche für unsere Firma gut aufgestellte Coaching-Anbieter mit einem Pool von Leuten - haben Sie mindestens fünf Leute, die in Frage kommen?‘

Woher kommt das?

Es werden zunehmend interne Coaching-Pools abgebaut, zugespitzt formuliert: Outsourcing betrieben. Das liegt auch am Kostendruck in manchen Unternehmen. Man sieht aber auch, dass in den letzten Jahren und befeuert durch die Digitalisierungs-Schübe der Corona-Krise mehr solcher Pool-Anbieter aufgetreten sind. Da ist ein neuer Markt entstanden, auf dem Firmen mit einem Mausklick Coaching-Dienstleistungen verfügbar machen.

Was bedeutet das für den klassischen Einzel-Coach?

Die alte Schiene der Werbung, also die klassische Mundpropaganda, ist für Coaches immer noch das Wichtigste. Auf der Ebene von Firmen aber, und umso mehr, je größer und internationaler diese Firmen sind, wird es schwieriger, alleine weiterzukommen. Da steigt die Nachfrage nach dem Vorhalten eines Pools von Leuten. Früher hatten die Firmen solche Leute selber in ihren Karteikästen, jetzt möchten sie, dass das ein digitaler Anbieter für sie übernimmt.

Wird sich auch die Arbeit der Coaches weiter ins Digitale verlagern?

Ich bin nicht der Ansicht, dass jetzt alles digital wird. Coaching ist ein Prozess, der sich zwischen Personen abspielt. Wir wissen aus der empirischen Coaching-Forschung, dass die Beziehung zwischen Coach und Klient ein zentraler Erfolgsfaktor ist. Menschen sind keine Avatare.

Aber ganz beim Alten wird es auch nicht bleiben, oder?

Es gibt ja schon erfolgreiche Programme, die vollautomatisiert und digital sind, das aber nur in überschaubaren Segmenten und zu ganz bestimmten Fragestellungen. Es hat noch kein Hardcore-Virtualisierer oder KI-Utopist den Nachweis geführt, dass das überall geht. Wir haben aber viele Belege, dass die direkte persönliche Beziehung verlässliche Ergebnisse bringt. Für bestimmte Zwecke wird es rein digitale Formate geben können. Vor allem aber werden sich hybride Konzepte des Coachings ergeben, die immer auch auf direkte Begegnung zweier Menschen zurückgreifen werden. Dass Coaching bald rein virtuell stattfinden wird, das halte ich für ein Gerücht.

Welche digitalen Tools kommen jetzt schon zum Einsatz?

Am meisten verbreitet sind Video-Conferencing-Tools und Messenger-Dienste. Das ist oft ein Problem, weil wir gebunden sind an Diskretionspflichten und den Datenschutz. Viele der digitalen Tools entsprechen dem leider nicht. Dann gibt es schon einige ausgefeilte Coaching-Umgebungen. Diese Angebote werden aber noch nicht so genutzt, wie ich das vermutet hätte. Wahrscheinlich, weil sie dann doch als zu kompliziert empfunden werden.

Welche Vorteile können solche Tools beim Coaching haben?

Was sich zeigt ist, dass bestimmte digitale Formate die Kontaktschwelle heruntersetzen. Es gibt Leute, die sagen: Wir wollen uns gar nicht unbedingt sehen. Das ist ähnlich wie bei der Telefonseelsorge. Im Coaching ist es so: Wenn Sie sich direkt gegenüber sitzen, brauchen Sie länger, bis eine Öffnung da ist. Man tastet sich ab, bis der Punkt erreicht ist, dass die Leute ihr Herz ausschütten. Sowas geht viel schneller, wenn jemand anonym anruft. Dafür sind digitale Formate nicht schlecht.

In welchen Fällen ist es sinnvoll, sich als Coach digital professioneller aufzustellen, vielleicht eine eigene App zu machen?

Da gibt es sicherlich Fälle. Aus Verbandssicht wäre ich froh, wenn es technische Möglichkeiten gäbe, die transparent und in vernünftigen Bezahlmodellen angeboten werden. Die vor allem unabhängig sind von weitergehenden ökonomischen Verwertungsinteressen, und unabhängig von bestimmten Theorien, Pseudotheorien oder Methoden. Davon sind wir noch weit entfernt. Wir bräuchten da Lösungen, die nach allgemeinen, transparenten Regeln überprüfbar und anerkannt sind, die wissenschaftlich untersucht wurden, und die Transparenz und Diskretion gewährleisten.

Für wen käme das dann in Frage?

Ich kann mir vorstellen, dass sowohl für nebenberufliche Einzelanbieter wie auch für ein Coaching-Unternehmen mit sieben Mitarbeitern virtuelle Lösungen sinnvoll sein können. Letzten Endes muss man selbst beurteilen, was für die eigene Arbeit wirklich dienlich ist.

Wie erkenne ich als Coach den Bedarf, dass ich mir ein solches Tool anschaffen muss?

Wie erkennen Sie als Süßwarenverkäufer den Bedarf? Es kommen Leute in Ihren Laden und fragen: Hast du diese roten Kirschlollis? So funktioniert das im Coaching auch. Die Leute fragen nach.

Und was ist gerade der Kirschlolli?

Das ist natürlich das niederschwellige smarte Angebot, bei dem ich wenig bezahle, bei dem ein Klient vielleicht auf sein Telefon drückt und dann hat er einen Coach am anderen Ende, der mit allem hilft. Sowas wird nachgefragt, weil auch große Anbieter mit sehr viel Marketing auf den Markt drängen und genau das versprechen. Ich sperre mich nicht grundsätzlich dagegen, aber der leichte Weg ist nicht immer der beste. Insbesondere wenn es um Fragen der Lebensplanung oder der beruflichen Weiterentwicklung geht, also Fragen, die auch in die persönliche Existenz eingreifen. Da sollte Leuten einleuchten, dass der leichte Weg nicht unbedingt der beste ist.

Info:

Der Deutsche Coaching Verband e.V. wurde 2005 gegründet und setzt sich für eine Professionalisierung der Coaching-Branche ein – mit Ethikrichtlinien, Qualitätsstandards und einer transparenten Zertifizierung von Coaches. Der Verband hat rund 200 Mitglieder. Weitere Infos: https://coachingverband.org

zur ÜbersichtPfeil