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Pandemie spaltet den MittelstandAuf politischer Ebene hat die Pandemie die Schwächen in der Digitalisierung schonungslos offengelegt. Wie sieht es in den Unternehmen aus?von Johannes Mitterer, 21. Juli 2021

Das Faxgerät war groß im Gespräch in den vergangenen Monaten, allen voran jene in den Gesundheitsämtern. Von Meldechaos war die Rede, von Listen und Zetteln und Mitarbeitern, die Papiere annehmen und Informationen händisch in digitale Listen übertrugen. So wurde das Faxgerät mal wieder zum Symbol der gescheiterten Digitalisierung in Deutschland.

Folgerichtig hat der Drang zur Digitalisierung alle großen Parteien erfasst, immerhin läuft bereits der Wahlkampf für die Bundestagswahl im Herbst. Alle Parteien haben das Thema in ihren Wahlprogrammen auf die Agenda gesetzt.Die Grünen möchten etwa eine europäische Cloud-Infrastruktur errichten und einen staatlichen Wagniskapital-Fonds für Startups aufsetzen.

Die Linkspartei legt Wert auf eine Digitalisierung, die ökologisch und sozial abläuft, und spricht sich für mehr Regulierung aus. Die SPD will bis zum Jahr 2030 die digitale Infrastruktur in Deutschland auf Weltniveau gebracht haben. Die Union beschwört in ihren Programm eine „digitale Transformationsoffensive” und möchte ein eigenes Bundesministerium für digitale Innovation und Transformation schaffen. Auch die FDP stellt in ihrem Programm ein solches Ministerium in Aussicht.

In einem sind sich jedenfalls alle einig: Es eilt.

Nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft wandelt sich der Blick auf die Digitalisierung, wie der Digitalverband Bitkom in einer repräsentativen Befragung von mehr als 500 Unternehmen aller Branchen herausgefunden hat. Demnach zweifeln heute nur noch 12 Prozent aller Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten am wirtschaftlichen Nutzen der Digitalisierung. In vielen Bereichen wirkte hier die Corona-Pandemie als Antreiber. Etwa spielen Messenger-Dienste Kollaborationstools und Videoanrufe seitdem eine größere Rolle. Außerdem hat man sich vielerorts vom Papier verabschiedet: digitale Prozesse, etwa Urlaubsanträge oder Krankmeldungen, sind auf dem Vormarsch und allein schon für ein funktionierendes Homeoffice unverzichtbar.

Dennoch legt die Bitkom-Umfrage einige Probleme offen. Vorrangig reiße die Pandemie in der deutschen Wirtschaft einen „Digitalisierungsgraben“ auf, wie Bitkom-Präsident Achim Berg betont. Während die eine Hälfte der Unternehmen wegen Corona dringende Digitaliserungs-Maßnahmen eingeleitet hat, hat die Pandemie bei der anderen Hälfte derartige Projekte ausgebremst.

Diesen Trend bestätigt auch der Digitalisierungsbericht der KfW-Bankengruppe. Demnach hat jedes dritte kleine und mittlere Unternehmen die Digitalisierung vorangetrieben. Vorrangig, so der Bericht, um die negativen Auswirkungen der Corona-Krise zu bewältigen. Ein Drittel der Mittelständler habe 2020 dagegen überhaupt keine Maßnahmen zur Digitalisierung durchgeführt.

Woran das liegen könnte, dafür gibt wiederum die Bitkom-Umfrage Anhaltspunkte: In vielen Unternehmen fehlt zunehmend das nötige Know-How. Gerade einmal gut die Hälfte der befragten Betriebe hat die geeigneten Mitarbeiter im Haus, um Geschäfts- und Verwaltungsprozesse eigenständig digitaler zu machen. Diesen Unternehmen empfiehlt Berg dringend, Digitalisierungs-Teams aufzustellen – oder direkt externe Hilfe einzuholen.

In diesem Bereich ist eine Erleichterung in Sicht, Stichwort Remote-Arbeit. Durch die Abkopplung vom festen Arbeitsplatz haben Unternehmen die Möglichkeit, Mitarbeiter aus einem deutlich erweiterten Bewerberkreis zu rekrutieren und so schlagkräftige Teams zusammenzustellen. Und das passiert auch schon: Der Microsoft Work Trend Index hat erhoben, dass sich die Zahl der Remote-Stellenausschreibungen auf der Plattform LinkedIn während der Pandemie verfünffacht hat. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings: Unternehmen, die bisher noch kein ortsunabhängiges Arbeiten etabliert haben, werden dadurch weiter hinter der digitalisierten Konkurrenz zurückfallen.

Wie hilfreich und begehrt externe Impulse und Unterstützung sein können, hat eine Kooperation zwischen dem Handelsverband Deutschland (HDE) und Google am Beispiel kleiner Unternehmen gezeigt. Das Projekt „Initiative ZukunftHandel“ sollte ab September 2020 von der Pandemie gebeutelte lokale Geschäfte mit digitalen Möglichkeiten stärken. Mit Webinaren, individuellen Anleitungen oder sogar 1:1-Trainings konnten sich Einzelhändler in verschiedenen Bereichen weiterbilden, von der Auffindbarkeit ihres Shops auf Google Maps bis zur Erstellung einer eigenen Onlinepräsenz. Über 400.000 Händler haben sich laut Google und HDE dafür interessiert, 70.000 haben die Angebote aktiv genutzt.

Flankierende politische Maßnahmen, etwa der Ausbau einer schnellen und störungsfreien Internet-Infrastruktur, sind hierfür eine Grundvoraussetzung. Die Wahlprogramme der großen Parteien signalisieren immerhin schon, dass das Problem erkannt wurde. Und die Faxgeräte in den Gesundheitsämtern sollen ab Januar 2023 endgültig durch digitale Lösungen ersetzt worden sein.

Wahlprogramme:

Quellen zum Nachlesen:1. Corona: Unternehmen spüren wirtschaftlichen Nutzen der Digitalisierung, Bitkom Research,https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Corona-Unternehmen-spueren-wirtschaftlichen-Nutzen-der-Digitalisierung#item-8101-close2. KfW-Digitalisierungsbericht Mittelstand 2020,https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Digitalisierungsbericht-Mittelstand/KfW-Digitalisierungsbericht-2020.pdf3. Microsoft Work Trend Index:https://www.microsoft.com/en-us/worklab/work-trend-index/hybrid-work4. Initiative ZukunftHandel, Google und HDE,https://grow.google/intl/de/retail-support